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Auguste - Stift

Haus des Auguste-Stift um 1910

Am 15. Januar 1897 verstirbt die Kaufmannswitwe Auguste Löber. Zwei Tage vor ihrem Tod verfügt sie ihr gesamtes Vermögen testamentarisch per Schenkung an die Stadt Cottbus zugunsten der Begründung einer Stiftung. Das Erbe beinhaltet ein großes Gartengrundstück in der Inselstraße, mehrere Immobilien in der heutigen Cottbuser Innenstadt sowie ein Vermögen von knapp 600 000 Mark. Der Zweck jener zu gründenden Stiftung wird folgendermaßen beschrieben:
„Zweck der Stiftung, welche ihren Sitz in der Stadt Cottbus hat, ist, unbescholtenen, in Cottbus geborenen, evangelischen Mädchen und Witwen besserer Stände, die sich zur Kirche halten, in einem […] zu erbauenden Stiftshause freie Wohnung und jeder berechtigten zu ihrem ferneren Unterhalte auf den Monat eine Rente… zu gewähren.“
Ihr Wille, diese Stiftung zu gründen geht von ihrer tiefen religiösen Überzeugung und ihren eigenen Erfahrungen aus.
Auguste Löber wird am 22. November 1824 als Tochter und einziges Kind der Kaufmannsfamilie Feige geboren. Sie lebt mit ihren Eltern am Ostrower Platz, wächst in angesehenen Verhältnissen auf und genießt eine gute Schulbildung. Am 5. August 1856 heiratet Sie den Kaufmann Friedrich Wilhelm Löber, welcher eine Selterswasserfabrik am Marktplatz sowie ein Agenturgeschäft betreibt. Des Weiteren ist er als Buchhalter und Konkursverwalter tätig. Das Ehepaar lebt am Marktplatz 14, dem heutigen Altmarkt. Es bleibt kinderlos, engagiert sich jedoch sozial sehr stark. Deshalb kommt es dazu, dass Friedrich Wilhelm Löber für einige Jahre ins Gefängnis muss, da er sich mehrfach für unfreiwillig verschuldete Menschen einsetzt, indem er Geld unterschlägt. Seine Frau wird daraufhin aus ihrem gewohnten gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt. Auch das von ihren Eltern und Schwestern umfangreich geerbte Vermögen zählt nicht mehr. Dennoch bleibt sie ihrem Mann treu und sorgt dafür, dass der von ihm verursachte Schaden wiedergutgemacht wird.

Nach der Entlassung ihres Mannes leben die beiden noch viele Jahre gemeinsam, allerdings weiterhin von der Gesellschaft zurückgezogen. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1896 hilft Auguste Löber in Not geratenen Cottbusern. Seinerzeit heißt es im Scherz: „Geht dein Geld zur Neige, geh zu Auguste Feige.“
Nach dem Tod von Auguste Löber wird das Statut der Auguste – Stiftung am 16. September 1897 begründet. Die Stiftung wird durch das Kuratorium verwaltet, welches damals Hugo Dreifert als zweiten Bürgermeister zum Vorstand und den zweiten Prediger der Oberkirche, Archidiakon Vierkorn als stellvertretenden Vorstand hat. Außerdem besteht das Kuratorium aus einem Arzt, welcher als Hausarzt des Stiftes auf Lebenszeit von den übrigen Kuratoren gewählt wird, sowie einem Rechnungsführer und drei Bürgern der Stadt Cottbus.
Der Bau des Stiftsgebäudes auf dem Gartengrundstück der Familie Feige an der Ostseite der Inselstraße wird in Auftrag gegeben. Die Errichtung wird nach dem Entwurf des Stadtbaumeisters Josef H. Richter vom Baugeschäft Hermann Pabel & Co. ausgeführt. Es entsteht ein historisch bedeutsamer Bau im spätgotischen Stil vermischt mit Renaissance-Motiven, womit dessen Charakter als Stiftsgebäude zum Ausdruck gebracht werden soll. Die Einweihung des Gebäudes findet am 30. Juni 1900 statt. Es besteht aus dem schräg zur heutigen Feigestraße ausgerichteten Haupttrakt und dazu seitlich angefügten Kopfbauten. Die Gebäudeansicht wird vor allem durch die zentral an den Traufseiten angeordneten Risalite, den hohen Zwerchgiebeln sowie dem Eckturm zwischen Hauptflügel und Kopfbau belebt. Die vielgestaltige Dachlandschaft aus ineinander geschobenen, unterschiedlich hohen Walm- und Satteldächern mit Fledermausgauben zeichnet den Bau aus. Das Gebäude, welches ein baugeschichtlich und baukünstlerisch bedeutendes Zeugnis kaiserzeitlicher Wohlfahrtsarchitektur im Land Brandenburg darstellt, wird außerdem von einem parkartigen Garten umschlossen. Die Giebelspitze des Mittelrisalits auf der Straßenseite wird von einer Skulptur aus Porphyr bekrönt, die einen Pelikan im Nest seine Jungen schützend und fütternd darstellt. Durch sie wird symbolisch die aufopfernde Liebe der Stifterin gepriesen sowie auf den Zweck und die Bestimmung des Gebäudes hingewiesen. Der Einsatz des hochwertigen Porphyr-Tuffs ist für Cottbuser Bauten jener Zeit sehr ungewöhnlich und unterstreicht dadurch den besonderen Aufwand welcher für das Stiftsgebäude betrieben wird.
Die Einrichtung besteht aus 24 abgeschlossenen Zweizimmerwohnungen, von denen sechs für je zwei Frauen ausgelegt sind. Diese sechs Wohnungen sind mit entsprechend größeren Räumen ausgestattet. Somit können insgesamt dreißig Frauen gleichzeitig im Stiftsgebäude unterkommen. Die Gemeinschaftsräume und Versorgungsräume sind ebenfalls großzügig gestaltet. Die Innenausstattung ist außerdem nach den derzeit modernsten Möglichkeiten eingerichtet.

Bis 1949 erhalten zahlreiche Cottbuserinnen Beistand und Unterstützung in dieser Einrichtung und können so ihren Lebensabend in geordneten Verhältnissen verbringen. Danach ruht die Stiftung und die DDR Regierung stellt Bemühungen an, die Stiftung aufzulösen, doch die erreichten Beschlüsse werden rechtlich nie wirksam. In den Jahren 1954/55 findet ein durch die Stadt verwalteter Um- und Ausbau des Gebäudes zum Altenpflegeheim statt. 1985 bis 1987 wird der Bau umfassend modernisiert, wobei die Aufteilung in Kleinwohnungen aufgelöst wird und die originale Ausstattung wie Farbglasfenster und die Bronzetafel mit dem Bildnis der Stifterin beseitigt wird.
Nach der Wende 1990, wird die Stiftung infolge von Nachforschungen der Stadt aufgrund von Nachfragen der Kirche am 28. Januar 2000 wiederbelebt. Es wird ein Immobilienbesitz im Wert von etwa 6 Millionen Mark festgestellt. Zu diesem gehört unter anderem auch das Stiftshaus in der Feigestraße, welches an einen freien Träger zur Nutzung übergeben wird. Seit 2003 beherbergt das Gebäude das Gesundheitszentrum RehaVita. Außerdem verfügt die Stiftung über ein Barvermögen von mehreren 100 Tausend Mark aus Mieteinnahmen seit 1990. Der Stiftungszweck wurde nicht grundlegend verändert. Es werden Frauen und Mädchen, die nach der Zuflucht in ein Frauenhaus oder Mutter-Kind-Haus ein neues Leben aufbauen wollen, sowie suchtkranke Frauen vor und nach der Entziehungskur als auch obdachlose Frauen und alleinerziehende Mütter unterstützt. Des Weiteren können Träger freier Wohlfahrtspflege Zuschüsse beantragen, sofern sie damit Projekte für Frauen finanzieren. Auch das Kuratorium der Stiftung setzt sich heute ähnlich zusammen. Es besteht weiterhin aus dem Bürgermeister und dem zweiten Pfarrer der Oberkirche als Vorstand, der Arzt und der Rechnungsführer werden jeweils für eine Amtszeit von sechs Jahren von den übrigen Kuratoriumsmitgliedern gewählt und die drei Bürger der Stadt Cottbus werden immer auf sechs Jahre vom Oberbürgermeister bestellt.
Die Stifterin Auguste Löber bleibt der Stadt Cottbus unter anderem durch die im Jahr 1905 nach ihrem Geburtsnamen benannten Feigestraße, an der auch das Stiftsgebäude steht, als eine der großen Sponsorinnen der Vergangenheit in Erinnerung. Außerdem gedenken die Mitglieder des Stiftungsrates jedes Jahr am 15. Januar ihrem Todestag, an ihrer Grabstätte auf dem Nordfriedhof.

 

Quellen:
Ackermann, Irmgarde; Cante, Marcus; Mues, Antja: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Brandenburg. Stadt Cottbus. Mühleninsel, Cottbuser Neustadt und Ostrow. Worms am Rhein 2001. | Krestin, Steffen. Die Auguste – Stiftung zu Cottbus. Cottbus 2000. | Das Auguste-Stift in Kottbus, in: DBZ, 1901/Jg. 35, Nr. 56, S.345f. | Wochenkurier vom 09. Februar 2000. | LR vom 15. Januar 2007. | LR vom 22. November 2009. 

Bildquelle:
Fotosammlung Städtische Sammlungen, Fotograf unebkannt

Autor:
Vanessa Schramm

 

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