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Waldschule

Waldschule 1929, Fotograf unbekannt

Die Waldschule besteht von 1920 bis 1933 und bietet kranken und schwachen Kindern Erholung und Unterricht zugleich.

Bereits 1907 beschäftigt sich OB und Leiter des „Cottbuser Heilstättenvereins" Paul Werner mit dem Plan eine Waldschule ins Leben zu rufen. Verpflegungsnöte, Seuchen und Krankheiten, insbesondere Tuberkulose, führen vor allem bei den unterernährten Kindern zu einer hohen Sterblichkeit. Da „bei manchen Kranken schon der bloße Aufenthalt des Tages über in reiner Waldluft großen Nutzen gewähre", so Sanitätsrat Dr. Carl Thiem, entsteht 1908 das Walderholungsheim in der Madlower Heide und der Gedanke eines Kindererholungsheim, in der ebenso die körperliche Erholung und Kräftigung der Kinder im Vordergrund steht, aber es nicht wie in den anderen Kindererholungsstätten ein Aussetzen des Schulunterrichts bedarf.

Das Projekt inklusive Baupläne und einer Liste erholungsbedürftiger Kinder sind bereits 1910 fertiggestellt. Aber die Schaffung bleibt aufgrund anderer größerer Bauprojekt, wie das Stadttheater, aus. Erst nach dem Krieg, am 10. August 1920 öffnet sie zum ersten Mal für 40 Schüler die Türen, die zeitweise die Räumlichkeiten der Männer- bzw. Kinderabteilung des Walderholungsheimes nutzen.

Da die Wintermonate als ungeeignet erscheinen, findet ab 1921 unter Leitung von Loeser der dem "Gesundheitszustand Rechnung tragende Unterricht" jährlich ausschließlich von Mai bis September für über 60 Kinder statt. Zunächst stellt die Stadt dafür 2 Holzbaracken gegenüber des Walderholungsheimes zur Verfügung (heute südlich der Waldstraße auf dem Südfriedhof). Ab 1929 erhält die Waldschule ein massives Gebäude, welches den Unterricht (nun für ca. 80 Kinder) und die Erholung bei kühlem und regnerischem Wetter erleichtert und durch die technische und hygienische Ausstattung („Brause- und Waschraum, Niederdruckdampfheizung) zur Steigerung des Gesundheitszustandes der Kinder beiträgt.

Die wöchentlichen Unterrichtsstunden und die Anforderungen sind im Vergleich zu normalen Volksschulen deutlich herabgesetzt. Der 3-4 stündige Unterricht findet ausschließlich vormittags, vorzugsweise im Freien statt und wird durch den Verzicht bestimmter Fächer, wie Religion und Realien, ermöglicht. Die ca. 60 Schüler, die der Stadtarzt Dr. Dobrick jährlich auswählt, werden in 3 Klassen (ab 1929 sind es 4 Klassen à 20 Schüler) aufgeteilt. Durch die geringe Klassengröße werden die Nachteile durch die Vereinigung mehrerer Schuljahrgänge aufgehoben, Schulanfänger werden nicht aufgenommen. Der Schwerpunkt liegt aber auf ausgiebigen Ruhepausen (mit Frei- und Atemübungen) zwischen den Unterrichtsstunden und der vollwertigen und kräftigen Verpflegung der Kinder (Frühstück, Mittagessen, Vesper). Die Nachmittagsstunden, vom Mittagsschlaf auf Liegebetten im Freien, bis zur Heimfahrt mit der Straßenbahn gegen 18 Uhr, werden von den Kindern frei gestaltet.

Anfangs befürchten die Eltern durch den Besuch der Waldschule ein Zurückbleiben der Kinder gegenüber den Klassenkameraden. Aber bald wird das Gegenteil bewiesen. Der Unterricht und das Spielen im Freien auf dem Waldgelände (mit Sandkasten, Turngeräten, Schulgarten, Brunnen zum Plantschen und Matschen) sowie die regelmäßige und üppige Verpflegung lassen die Waldschulkinder, bei der Rückkehr in ihre alte Schulklasse „körperlich stärker und geistig frischer" werden, als ihre Mitschüler. Die Kinder, die regelmäßig vom Stadtarzt untersucht werden, nehmen durchschnittlich etwa 5 Pfund an Gewicht zu, einige sogar bis zu 13 Pfund. Alljährliche Rundfragen des Schulamtes ergeben, dass die Waldschulkinder auch keine Schwierigkeiten haben, den anschließenden Volksschulunterricht zu folgen.

Durch ihren Erfolg erfährt die Waldschule große Nachfrage und ständigen Ausbau. Anfangs hauptsächlich durch Spenden, später durch das städtische Schulamt finanziert, beträgt die Verpflegungsgebühr der Eltern 1928 pro Tag/Kind 75 Pfund, die aber je nach Bedürftigkeit bezuschusst wird, wodurch bspw. 1928 19 Eltern gar nichts zahlen. Außer 1923, als die Waldschule aufgrund des Geldwertverlustes geschlossen bleiben muss, bietet sie neben dem Schulunterricht jährlich auch in den Sommerferien Kindern, die nicht vom Stadtarzt ausgewählt wurden, reichhaltige Verpflegung und tägliche Erholung im Waldgelände, bis sie am 07.01.1934 für den Betrieb einer Gebietsführerschule der Hitlerjugend geschlossen wird.

Quellen: Aufzeichnungen des Schulleiters Loeser „Chronik der Waldschule" 1934. | „Die städtische Waldschule in Cottbus" Verfasst vom städtisches Schulamt Cottbus anlässlich der Einweihung des neuen Waldschulhauses. 1929. | „Die Cottbuser Waldschule – ein Kinderparadies" Cottbus Anzeiger 30. April 1932. | Cottbus 1914-1936. Aus dem Entwicklungsgang einer deutschen Mittelstadt. Albert Heine KG., Cottbus. 1936.

Bildquelle: Foto Städtische Sammlungen, Fotograf unbekannt

Autor: Kristin Liebner

 

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