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Spreewaldbahn

Spreewaldbahnhof Cottbus um 1930; Fotograf unbekannt

Eine kleine, flinke Lokomotive ertönt mit einem schrillen Pfiff in den Cottbuser Straßen. Die Spreewald-Guste, wie sie liebevoll genannt wird, ist weit über ihr Einzugsgebiet bekannt. Der Spreewald ist um die Jahrhundertwende ein eher rückständiges Landschaftsgebiet. Erst der Bau dieser „Lübben-Cottbuser Kreisbahn“ verbindet den Spreewald mit dem Umland.

Der Bau des Personen- und Güterverkehrs beginnt 1895. Die Eigentümer der Bahn sind der Landkreis Lübben und die kreisfreie Stadt Cottbus. Aus Kostengründen greift man auf eine Schmalspurbahn mit 1m Spurweite zurück. Das Bauvorhaben profitiert durch die kostenlose Herausgabe des Baulandes und einer Summe von 400.000 Mark durch die Stadt Cottbus. Andernorts stößt der Bau auf Widerstand. Die Gegner fürchten Hochwassergefahr, Lärm, Qualm, Feuergefahr und Dorfdurchtrennungen. Ebenfalls fürchtet man das Abwandern billiger Arbeitskräfte und das Zusammenrotten von Menschengruppen.
Der Bahnbau beginnt dennoch. In Lübben werden Büros für die Bauleitung erbaut. Material wird beschafft. Am 16. März 1897 erfolgt in Straupitz die Grundsteinlegung zum Bau des Bahnhofsgebäudes. Der Gleisbau startet in Straupitz in Richtung Lübben und Cottbus. Schwierigkeiten beim Bau bestehen in Form von Bergen, dem Überbrücken der Spree und ständigen Enteignungsverfahren gegen Landbesitzer, die ihren Besitz nicht freiwillig dem Bau der Bahn überlassen wollen. Im August 1897 liegen die Schwellen und das Gleis bis Goyatz und Lieberose. Nun arbeiten die Arbeiter gemeinsam an dem Bau der großen Spreebrücken vor Lübben und an der Strecke bis Burg. Es ist Anfang August 1897. Die ersten Lokomotiven treffen in Lieberose ein. Wenige Tage später ist es auch in Lübben soweit. Im September 1897 beginnt der Bau des Bahnhofsgebäudes in Burg. Und so werden nach und nach alle Bereiche fertiggestellt. Die landespolizeiliche Abnahme findet am 26. Und 27. Mai 1898 in Burg statt. Es werden nur kleinste Mängel gefunden. Nachgebessert werden fehlende Läutetafeln und das Aufstellen von Begrenzungssteinen an Wegübergängen. Am  29. Mai 1898 wird die Strecke in Betrieb genommen.

Nun kommt Leben in den Spreewald. Landwirtschaftliche Produkte können zwischen Lübben und Cottbus transportiert werden. Neue Betriebe nehmen im Spreewald ihren Betrieb auf. Arbeitsplätze, Handelsverbindungen und neue Märkte entstehen und ermöglichen das neue Leben im Spreewald. Gerade die verarmten Bauern kommen zu neuen Einnahmequellen. Ihre Landwirtschaft mit Feldfrüchten wie Getreide, Kartoffeln, Rüben und Flachs findet durch den Abtransport per Schmalspurbahn guten Absatz auf den neu entstehenden Märkten.
Aber nicht nur wirtschaftlich verändert sie das Leben der Menschen. Sie dringt als „technisches Wunderwerk“ bis in die Lebensgewohnheiten der Menschen vor. Viele sehen zum ersten Mal eine Dampflokomotive und Kinder begeistern sich für eine Fahrt mit der Bahn. Anfängliche Startschwierigkeiten werden mit Sonderaktionen aufgefangen. Rückfahrkarten an Sonntagen und Markttagen werden zuerst günstiger angeboten, um den Umsatz zu steigern. Als der Verkehr stark zunimmt, müssen sogar an den Wochenenden und Markttagen Sonderzüge eingesetzt werden. Aufgrund des großen Andrangs, können zu wenige Güterzüge fahren. Der Ausfall an genug Materialnachschub für den Ausbau der Bahn verzögert die endgültige Fertigstellung. Die planmäßige Fertigstellung erfolgt am 7. Dezember 1899. Das gesamte projektierte Streckennetz ist nun in Betrieb. Insgesamt 48 Beamte, 72 Arbeiter fahren 7 Zugpaare auf der 84,5 km langen Strecke.
Vorgesehen ist der Verkehr gemischter Personenzüge mit einer maximalen Geschwindigkeit von 20 bis 30 Kilometern in der Stunde. Schnellfahrende Personenzüge dürfen mit einer Geschwindigkeit zwischen 30 und 35 Kilometern in der Stunde verkehren. Doch es muss noch weitergehen. Im September 1898 kann die Strecke ausgebaut werden. Der Bau der Spreebrücken ist fertiggestellt. Im Januar 1899 bauen Arbeiter die Strecke nach Cottbus weiter. Am 21. Mai 1899 eröffnet man die Teilstrecke Burg – Cottbus-West. Anschließend baut man einen nicht projektgemäßen Bahnhof in Form einer Holzhütte. Hier werden Fahrkarten verkauft.

Ein weiteres Ausbauprojekt stellt der Hafen in Goyatz dar. Der Bau beginnt im März 1904. Am 1. Mai 1904 ist die Eröffnung. Von der Bahn hat man nun per Schiff Anbindung an Berlin, Stettin und Hamburg. Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges steht die Bahn technisch und wirtschaftlich auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Die letzte Erweiterung erfolgt 1905. Die 1. Strecke geht von Lübben über Straupitz, Byhlen nach Lieberose. Eine 2. Strecke kreuzt von Cottbus ausgehend über Burg in Byhlen. Von Byhlen bis Straupitz teilen sie sich dann ein Gleis. Das Ende der 2. Strecke findet sich dann in Goyatz.

Der 1. Weltkrieg bringt vor allem Arbeitskräftemangel durch den Wegzug der Männer an die Front. Es kommt zu Qualitätsmängeln. Die Bahn ist störanfällig und heruntergewirtschaftet. Um die Bahn vor einer Zahlungsunfähigkeit zu retten, verändert man den Betriebsvertrag. Die Gründung einer Aktiengesellschaft soll Abhilfe schaffen. An der Aktiengesellschaft sind  am 16. August 1923 der Kreis Lübben, die Stadt Cottbus und die Eisenbahnbaugesellschaft Becker & Co. GmbH Berlin beteiligt. Eine wesentliche Besserung tritt nicht ein. Die Wirtschaftlichkeit der Vorkriegszeit wird nicht mehr erreicht. Es kommt zu Reduzierungen. Erst der Wirtschaftsaufschwung zieht vor allem die Berliner wieder in die Bahn, um gerade an Wochenenden Ausflüge zu veranstalten. Die Weltwirtschaftskrise 1930 bedeutet für die Bahn wieder Verluste in Höhe von 18.000 Reichsmark. Die Geschäftigkeit ist groß. Doch Sparmaßnahmen sind nicht zu vermeiden. Die Verluste steigen von Jahr zu Jahr. Firmen, Direktoren, Spreewälder – alle ziehen noch den ein oder anderen Taler aus der Tasche, um die Bahn zu retten, doch es langt nicht.

Nach einer Umstrukturierung der Aktiengesellschaft, versucht man durch neue Führungskräfte die Spreewaldbahn zu retten. Am 1. April 1937 übernimmt das Landesverkehrsamt Brandenburg die Betriebsführung. Der erneute Kriegsausbruch bringt der Bahn schwere Verluste. Der Güterverkehr geht zurück. Der Ausflugsverkehr bricht zusammen. Die Anlagen verwahrlosen. Gegen Kriegsende kommen der Bahn Munitionstransporte und Militärtransporte zugute. Andererseits kann eine Sanierung aus technischen Gründen nicht mehr erfolgen. Der Bombenangriff am 15. Februar 1945 auf dem Cottbuser Bahnhof tut sein übriges. Totalschäden an Bauwerken, unbrauchbare Züge, fehlende Wartungen und Pflege machen die Bahn und den Bahnhof nicht nutzbar. Im Oktober 1945 kann der Betrieb wieder aufgenommen werden.
Im April 1949 übernimmt die Deutsche Reichsbahn die Spreewaldbahn. Nach vielen Veränderungen, steht erneut die Wirtschaftlichkeit der Bahn auf dem Prüfstand. Am 26.Mai 1967 fährt der letzte Güterverkehr auf der Strecke Lübben – Straupitz. Am 24.September 1967 fährt der letzte Personenverkehr. Die Strecke Cottbus – Goyatz bleibt lediglich für den Personenverkehr geöffnet. Der Güterverkehr wird hier ebenfalls am 26. Mai 1967 eingestellt. Am 3. Januar 1970 fährt bei dichtem Schneetreiben der letzte Personenzug um 22 Uhr von Cottbus  nach Straupitz. Das schrille Pfeifen verstummt.

 

Siehe auch: Bahnhof Cottbus, Straßenbahn, Parkeisenbahn Cottbus

Quellen: Jünemann, Klaus; Preuß, Erich: Schmalspurbahnen zwischen Spree und Neiße. Berlin. 1985. | Preuß, Erich: Spreewaldbahn. 1969. | Großstück, Harald: Die Spreewaldbahn - Eine Chronik. In: Aus der Heimatgeschichte der Stadt Cottbus und Umgebung. Heft 1. | Großstück, Harald: 1899: Mit der Spreewaldbahn nach Cottbus. In: Cottbuser Heimatkalender 1989. | Freiberg: Verkehrswege von Cottbus nach Goyatz einst und jetzt. In: Cottbuser Heimatkalender 1957.

Bildquelle: Fotografie, Fotograf unbekannt, Städtische Sammlungen Cottbus, um 1930

Autor: Nadine Wancsucha

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