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Novemberpogromnacht in Cottbus

Chanukkaleuchter der Jüdischen Gemeinde Cottbus

Die Pogrome, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in ganz Deutschland durchgeführt wurden, stehen heute symbolisch als Übergangsmoment, in dem die jüdische Diskriminierung zur gezielten und systematischen Verfolgung überging. Dabei schätzt man die Zahl getöteter Juden allein in der Reichspogromnacht auf etwa 400. In nahezu allen Städten und Gemeinden wurden Geschäfte zerstört, Wohnungen geplündert und Synagogen in Brand gesteckt. Die Propagandaführung des NS-Regimes rechtfertigte die Geschehnisse als Ausgleich zu dem Attentatsversuches des jüdischen Bürgers Herschel Grynspan auf den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath in Paris. Der Anschlag des 17-Jährigen wurde in den Zeitungen als Verschwörung des „gesamten Weltjudentums“ abgestempelt und sollte zu weiteren Racheakten anregen. Noch am selben Tag gingen an alle Oberbürgermeister und Landräte des Reiches Transkripte hinaus, in denen über die Vorfälle in Paris berichtet wurde.

Auch in Cottbus kam es infolge des Attentatsversuches zu organisierten Aufmärschen und Zerstörungsakten seitens der SS. Zudem schlossen sich zahlreiche nationalsozialistische Anhänger den Pogromen an und sorgten bei den Betroffenen für Leid und Angst. Auch die 1902 errichtete Synagoge der jüdischen Gemeinde Cottbus blieb von den Gewalttaten der Nationalsozialisten nicht verschont. In der Pogromnacht zündete man das Glaubenshaus an und ließ es den Flammen ausgesetzt niederbrennen. Die ortsansässige Feuerwehr, welche den Brand rechtzeitig hätte stoppen können, erhielt indessen den Auftrag, lediglich dafür zu sorgen, dass sich das Feuer nicht auf die umliegenden Häuser ausbreitete. Der damals 14-Jährige Heinz Petzold berichtete später von den Geschehnissen in Cottbus:

Ich wohnte damals mit meinen Eltern in der Calauer Straße 9 in der 3. Etage. In der Nacht vom 9. Zum 10. November 1938 weckte mich mein Vater, es muß um Mitternacht gewesen sein, holte mich zum Fenster und zeigte in Richtung Norden der Stadt, wo man deutlich einen lodernden Brand ausmachen konnte. Beim genaueren Hinsehen erkannte ich die Kuppel der Cottbuser Synagoge, die wie glühende Masse aussah. […] In der Schule [des folgenden Tages] gab uns unser Klassenlehrer, der SS-Mann war, mit der Bemerkung - ‚damit ihr seht, was die Juden verdienen‘ – eine Stunde frei. Wir gingen zur Synagoge […] die Feuerwehr war zwar vor Ort, löschte jedoch das noch schwelende Feuer im Innern der Synagoge nicht“.(1)

Einer der wenigen Gegenstände, die heute von der Synagoge übrig geblieben sind, ist ein Chanukkaleuchter, den der Sozialdemokrat Johannes Möring bei Aufräumungsarbeiten entdeckt, und heimlich über den Nachbarzaun geworfen haben soll. Dort nahm in ein Malermeister in Empfang und versteckte ihn bis Kriegsende in einem Fass, das mit Pulverfarbe gefüllt worden war.(2) Nach dem Ende des Krieges kam der Leuchter in die Sammlungen des Städtischen Museums und wurde 2015 - anlässlich der Einweihung der neuen Synagoge - an die Jüdische Gemeinde der Stadt Cottbus übergeben.

Auch an anderen Stellen der Stadt sorgten die Nationalsozialisten für Unruhe und Zerstörung. So wurden beispielsweise Haushaltswaren-, Leder- und Schuhwarengeschäfte in der Burgstraße oder das Elektrofachgeschäft Epege in der Spremberger Straße in der Nacht ausgeraubt und demoliert.(3) Für die Schäden mussten die Juden selbst aufkommen. Die Versicherungen zahlten zwar die entsprechenden Leistungen, jedoch nur ans Reich und nicht an die Geschädigten. Zudem verhaftete die Polizei, nach Auftrag der SS-Führung, so viele Juden, wie in den Hafträumen untergebracht werden konnten. Dabei sollte insbesondere auf wohlhabende Juden Jagd gemacht werden. In Cottbus wurden dieser Anweisung nach 30 Juden verhaftet und am 14. November in das KZ Sachsenhausen gebracht.(4) Unter den Verhafteten war auch der berühmte Rechtsanwalt Hermann Hammerschmidt.

In den Zeitungen las man indes nur wenig von den Vorgängen in der Reichspogromnacht. Im Cottbuser Anzeiger widmete man den Brutalitäten des Vortages nur einen kleinen nebenstehenden Beitrag, in dem die Geschehnisse wie in so vielen Ortschaften als „Demonstrationen“(5) heruntergespielt wurden.

Quellen: 1) Zeitzeugenbericht von Heinz Petzold in den Sammlungen des Stadtarchivs Cottbus. | 2) Kober, Steffen: Antisemitische Pogrome der Faschisten in Cottbus. In: Redlich, Friedrich (Hg.): Geschichte und Gegenwart des Bezirkes Cottbus (Niederlausitzer Studien, Heft 22). Cottbus 1988. | 3) Krüger, Andre: Zur Geschichte der Juden in Cottbus. 3. Auflage. Cottbus 1993. | 4) vgl. Rückert, Jutta; Rückert, Otto: Cottbus. In: Diekmann, Irene; Schoeps, Julius H.: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg. Berlin 1995. | 5) Cottbuser Anzeiger vom 10. November 1938.

Bildquelle: Stadtmuseum Cottbus

Autor: Chris Fritsche

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