Zurück

Kapp-Putsch

Der "Kapp-Putsch" fordert in der Spremberger Straße erste Todesopfer.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges beginnen die Verhandlungen über die Geschicke Deutschlands. Neben Gebietsabtretungen, Reparationszahlungen und vielen weiteren Inhalten verfolgen die Siegermächte auch militärische Einschränkungen. Das Heer soll auf 100.000 Mann und die Marine auf 15.000 Mann beschränkt werden. Außerdem sollen die rund 120 Freikorps aufgelöst werden.

Unter der Leitung Walther von Lüttwitz und der Unterstützung von Erich Ludendorff und Wolfgang Kapp beginnt am 13. März 1920 ein Putschversuch gegen die Weimarer Republik – der sogenannte „Kapp-Putsch". Aufgrund der nach Berlin marschierenden Brigade Erhardt fliehen große Teile der Regierung aus Berlin. Außerdem unterzeichnen die Sozialdemokraten einen Aufruf zum Generalstreik. In Berlin angekommen proklamieren die aufständischen Truppen Kapp zum Reichskanzler. Überall im Land kommt es zu Protestveranstaltungen, Straßenschlachten und Auseinandersetzungen.

Bereits am 13. März findet in Cottbus eine Protestkundgebung statt, zu der tausende Arbeiter erscheinen. Die Durchführung des Generalstreiks in Cottbus beschlossen. So setzt sich bspw. die Konferenz der frei organisierten Bergarbeiterschaft der Ober- und Niederlausitz für die demokratische Republik ein: „Den Staatsstreichlern keine Tonne Kohle und keine willige Hand! Die Konferenz rief die Bergleute ganz Deutschlands zur einheitlichen entschlossenen Abwehr auf. Es lebe der Kampf gegen den Staatsstreich, für die soziale Demokratie!" 1)

Der Garnisonsälteste des Reichswehrstandortes Cottbus, Major Buchrucker, stellt sich hinter die Forderungen der Putschisten. Bereits am 15. März übernimmt er die vollziehende Gewalt in der Stadt und verbietet unter anderem Versammlungen und Demonstrationen. Als Soldaten in der Spremberger Straße die Plakate zur Übernahme Buchruckers anschlagen wollen, werden sie von einer Menschenmenge gestellt und es kommt zu Auseinandersetzungen. Infolgedessen schickt Buchrucker weitere Soldaten in die Spremberger Straße. Nachdem die demonstrierende Menge nicht weichen will, eröffnen die Soldaten das Feuer. Die Arbeiterin Frau Amalia Hoppenz beschreibt die Situation: „Als die ersten Schüsse fielen, stürzte alles und lief sich über den Haufen. […] Als ich drei, vier Schüsse hörte, wollte ich um den dicken Turm in der Spremberger Strasse rumlaufen. […] Das Feuer wurde immer heftiger, als mir, als ich gerade um die Ecke umbiegen wollte, ein jüngerer Mensch in die Hände fiel. […] Dann wurde Befehl gegeben, die Maschinengewehre in der Burgstrasse einzurichten. Dort ging es noch einmal los. Ich war dann 7 Minuten ganz allein mit dem jungen Mann und sehr aufgeregt und in grosser Angst. […] Wie leid tut es mir, dass ich kann es noch heute nicht für möglich halten, wie schnell ein unschuldiger Mensch so um sein Leben kommen kann. Dann verband ich ihn wiederholt und musste aber selbst einsehen, dass das Blut schneller war als ich und musste ihn so sterben sehen." 2) Im Anschluss an die gewaltsame Vertreibung der Demonstranten durchsuchen Soldaten zahlreiche Häuser der Spremberger Straße und zerstören dabei auch Teile des Druckereigebäudes der USPD-Zeitung „Freier Volkswille".3)

Der "Kapp-Putsch" fordert mindestens 16 Menschenleben in Cottbus

Die Situation in Cottbus bleibt auch nach der gewaltsamen Zerschlagung der Demonstration in der Spremberger Straße angespannt. Aus der gesamten Lausitz kommen zum Teil bewaffnete Arbeiter und besetzen unter anderem das Wasserwerk und die Bahnanlagen. Bei Kämpfen in Sachsendorf wird das Haus Drebkauer Straße 78 durch Artilleriebeschuss zerstört, ein Bewohner kommt dabei ums Leben. Der Versuch einer Vermittlung zwischen Major Buchrucker und dem sogenannten „Aktionsausschuss“, welcher die streikenden und kämpfenden Arbeiter vertritt, scheitert. Es kommt zur Besetzung weiterer Stadtteile, zum Beispiel Sandow. Erneute Verhandlungen zwischen Buchrucker und dem „Aktionsausschuss“ führen zu einem Abzug der auswärtigen bewaffneten Arbeiter. So entspannt sich die Lage am 19. März allmählich. Die Beteiligten, welche zum Teil aus Forst, Spremberg oder Senftenberg gekommen sind, verlassen nun die besetzten Stadtteile. Das Ende des Generalstreiks wird am 20. März bekannt gegeben. Dabei wurde erwartet, dass

  1.  „die sofortige Freilassung der Gefangenen erfolgt,
  2. keine Verfolgung der an der Aktion beteiligten Personen stattfindet,
  3. keine Herausforderung durch die Reichswehr erfolgt,
  4. die baldige Abberufung des Majors Buchrucker veranlasst wird.“4)

Trotzdem auch der Magistrat eine Abberufung des Majors Buchrucker beantragt, erfolgt diese nicht umgehend. Mit der Rückkehr des Bataillons, es war kurz nach dem Putsch von Cottbus nach Vetschau verlegt worden, weist der Magistrat erneut auf die Probleme im Umgang mit Buchrucker hin. Seine Beurlaubung erfolgt im Mai 1920.

Die Rolle Buchruckers ist insofern auch interessant, da die Stadt Cottbus im Februar 1920 erfährt, dass sie durch die Vorgaben des Versailler Vertrages voraussichtlich nicht mehr als Garnison dienen würde. Die Putschisten, welche von der Einschrumpfung des Heeres in besonderer Art und Weise betroffen sind, würden nach dieser Information vermutlich auch aus dem Heer ausgegliedert werden. Der Magistrat stand diesbezüglich bereits seit Februar 1920 mit dem Reichswehrministerium in Kontakt. In einer Korrespondenz mit dem Intendanturrat Georg Schulz, heißt es „Nun steht aber zu hoffen, daß wir garnicht auf das 100 000 Heer heruntergeschraubt werden, sondern daß uns der Feindbund – wenn nicht Frankreich letzten Endes wieder noch Schwierigkeiten macht – einige Verbände über die gen. Stärke bewilligt.“5) Allen Bemühungen zum Trotz wird die Garnison zum 21. Dezember 1920 aufgelöst.6)

Der „Kapp-Putsch“ fordert in Cottbus mindestens 16 Menschenleben, 12 davon sind Zivilisten. Die Härte, mit welcher sowohl die Arbeiterschaft als auch die Soldaten gegeneinander vorgehen, ist kennzeichnend für den Aufstand. So nehmen bewaffnete Arbeiterverbände Unbeteiligte in Gewahrsam 7) und die „jungen Soldaten [am Spremberger Turm fieberten] mit dem Finger am Drücker danach, das Kommando ‚Feuer‘ zu erhalten“.8) Als einer von wenigen Reichswehroffizieren wird Buchrucker aufgrund seines Verhaltens während des Putsches im September 1920 aus der Reichswehr verabschiedet.

 

 

Quellen: 1) Märkische Volksstimme vom 14. März 1920 | 2) Erlebnisbericht der Amalia Hoppenz vom 15. März 1920. Akte betr. Politische Unruhen 1920. StA / A.II.3a.26. | 3) Bericht des Ernst Marby vom 20. April 1920. Ebd. | 4) Bericht des Oberbürgermeisters vom 26. März 1920. Sammelmappe betreffend Kapp-Putsch 1920ff. / A.II.3a.27. | 5) Schreiben des Intendanturrates Georg Schulz an Stadtrat Moebius vom 21. Februar 1920. Akte betreffend Bataillon "Franz. StA / A.I.14.5.50 | 6) Vermerk vom 22. Dezember 1920. ebd. | 7) Bericht des Ernst Marby vom 20. April 1920. Akte betreffend Politische Unruhen 1920. | 8) Sauer, Bernhard: Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik. Berlin 2004. | Büschel, Robert: […] das ist der Krieg, alles Teufelswerk. Cottbus zwischen 1913 und 1923." Cottbus 2018.

Bildquelle: Blick in die Spremberger Straße, um 1926, Städtische Sammlungen

Autor: Robert Büschel

Zurück