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Volksaufstand in der DDR - 17. Juni 1953

Erklärung des Ausnahmezustandes, Plakat, Städtische Sammlungen

 

Der Cottbuser Demonstrationszug am 17. Juni 1953 hatte seinen Ausgangspunkt im Reichsbahnausbesserungswerk. Gegen 10.50 Uhr fand in der alten Lokhalle eine Streikversammlung statt. Nach Aussagen des 19-jährigen Brenners und Hilfsschlossers Walter R., Mitglied der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD), der als Versammlungsleiter sprach, wurden von ihm drei Forderungen erhoben:

  1. Absetzung der Regierung
  2. Senkung der Arbeitsnormen
  3. 40%ige Senkung der HO Preise

Funktionäre des Betriebes, der SED und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes sprachen gegen diese Forderungen. Sie betonten, dass die DDR-Regierung bereits am 11. Juni einen neuen Kurs eingeschlagen habe, der auch die Senkung der Normen enthält. „Wir haben davon noch nichts gespürt“, wurde ihnen entgegnet. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, beschloss die Streikversammlung einen Demonstrationszug in die Innenstadt.

Auf ihrem Zug durch die Karl-Liebknecht-Straße erreichten die Demonstrierenden den VEB Konsum-Melde, über dessen eisernen Zaun zwei der dort streikenden Arbeiter kletterten. Das Tor wurde aufgebrochen und die Melde-Belegschaft aufgefordert, sich an der Demonstration zu beteiligen. Angehörige weiterer Betriebe stießen ebenfalls hinzu. Vor dem Stadttheater, hinter dem auf dem Schillerplatz der Zirkus Aeros gastierte, kam es zu erregten Diskussionen. Einige der Zirkus-Leute schlossen sich den Debatten an und bestimmten die Diskussion. Einer der Aeros-Angestellten soll einem Bericht zufolge in den Debatten einem der Diskutierenden zugerufen haben: „Du Spitzel, ich hau Dir eins auf die Schnauze, ich werfe Dich den Affen vor, damit sie Dich zerrupfen!“ (1) Immer mehr Menschen stießen zur Demonstration hinzu. Diese wurde jedoch von Soldaten und auffahrenden Panzern der Sowjetarmee sowie Einheiten der Volkspolizei nahe des Theaters aufgelöst. Die Angaben beteiligter Demonstranten schwanken zwischen 500 bis 1.000.

Zur Mittagszeit kam es erneut zu einer Demonstration. Wiederholt zogen sie durch die Karl-Liebknecht-Straße und anschließend durch die Spremberger Straße. Ziele waren das Rathaus und die Untersuchungshaftanstalt der Volkspolizei. Insgesamt handelte es sich hier um circa 1.500 Demonstrantinnen und Demonstranten. Vor dem Rat des Bezirkes skandierten sie Losungen, wie zum Beispiel „Freie Wahlen in ganz Deutschland!“, „Weg mit den Zonengrenzen!“ oder „Keine Bestrafung der Anführer!“ Auch diese Demonstration wurde durch Einheiten der Sowjetarmee sowie der Volkspolizei beendet.

Die in ihren Betrieb zurückgekehrten Arbeiter des Reichsbahnausbesserungswerkes hielten sofort eine weitere Versammlung ab. Es wurde beschlossen, nicht weiterzuarbeiten und am nächsten Morgen 7.30 Uhr erneut zu streiken. Es kam zur Gründung eines Streikkomitees, welches ein 10-Punkte-Programm verlas:

  1. Wegfall der erhöhten Normen
  2. Senkung der HO-Preise um 40%
  3. Bezahlung der durch die Demonstration ausgefallenen Arbeitszeit
  4. Freilassung der politischen Häftlinge
  5. Freie, geheime, gesamtdeutsche Wahlen
  6. Wegfall der Zonengrenze
  7. Rücktritt der Regierung
  8. Abzug aller Besatzungsmächte
  9. Abschluss eines Friedensvertrages
  10. Keine Maßregelung der am Streik beteiligten Personen.

Noch am selben Abend hing an Litfaßsäulen und Schaufenstern der Innenstadt der gedruckte Befehl des Militärkommandanten des Bezirkes Cottbus, Oberst Protassow, der den Ausnahmezustand im ganzen Bezirk erklärte. Danach waren ab 21 Uhr alle Menschenansammlungen über drei Personen an öffentlichen Plätzen sowie jeglicher Fußgänger- und Autoverkehr bis 5 Uhr morgens verboten. Es wurde angedroht, jeglichen Verstoß nach Kriegsgesetzen zu ahnden. Am 18. Juni kam es in mehreren Betrieben nur noch zu Arbeite-langsam-Bewegungen und teils heftigen Debatten.

Die Ereignisse in Cottbus spiegeln die gesellschaftliche Situation des Jahres 1953 wieder. Die Demonstration in der Stadt wurde in Cottbus von vielen Menschen wahrgenommen, beobachtet und im privaten Umfeld wohl auch diskutiert. In der Öffentlichkeit, z. B. der Lausitzer Rundschau wurde das Bild vom faschistischen Putsch, Unruhestiftern und Saboteuren gezeichnet. Damit erweisen sich die Ereignisse im Juni 1953 in der ein Jahr zuvor begründeten Bezirksstadt als wichtiges Moment der Stadtgeschichte.

Quellen:(1) Lausitzer Rundschau, 27. Juni 1953 | Ciesla, Dr. Burghard: Freiheit wollen wir! Der 17. Juni 1953 in Brandenburg. | Krönert, Hans-Hermann: Der 17. Juni 1953 in Cottbus. Versuch einer Rekonstruktion nach den Akten der Birthler-Behörde und Berichten, in: Cottbusser Heimatkalender 2003.
 
Bildquelle: Plakat, 17.06.1953, Städtische Sammlungen Cottbus
 
Autor: Robert Büschel

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