Zurück

Gewandschließe von Byleguhre

Eine Gewandschließe von Byhleguhre aus der römischen Provinz Pannonien

Zu den besonderen und seltenen Objekten gehört eine Emailscheibenfibel im Cottbuser Fundbestand. Sie wurde bei einer Rettungsgrabung geborgen, die parallel zum Bau eines Speicherbeckens für die Seeentschlammung südlich am Byhleguhrer See 1990 stattfand. Mit Hilfe der Planierraupe wurde der Ackerhumus unter Kontrolle des Archäologen abgetragen. Die darunter zutage kommenden dunklen Erdverfärbungen von ehemaligen Häusern, Pfostenspeichern und Grubenhäusern aus der Römischen Kaiserzeit (um 200 - 400 n. Chr.) wurden dann untersucht. Im Falle eines Grubenhauses fiel dem Ausgräber in der Planierraupenspur eine kleine ringförmige Erdbruchkante auf, die er mithilfe des Spachtels untersuchte. Es kam buchstäblich 1-2 mm unter der Fläche, die der Planierschild hinterlassen hatte, das „Gesicht“, die Schauseite der abgebildeten Fibel zutage. Nur wenige Millimeter tiefer hätte der Planierschild das Stück beschädigt oder unerkannt beseitigt.

Es ist eine sogenannte Emailscheibenfibel, von der die Vorderseite relativ gut erhalten ist. Sie wurde im Gussverfahren, vielleicht in einer Bleiform, hergestellt. Die Gruben, in denen das farbige Email eingeschmolzen wurde, waren durch Stege getrennt, die die Figur darstellten.

Durch diese Stege ist auf der Schauseite eine nach rechts gewandte Reiterfigur – vom Gegenüber des Trägers aus gesehen - mit Wurflanze oder Stab in der erhobenen rechten Hand zu sehen. Die Lanze wird hoch über und hinter dem Kopf mit der „Spitze“ nach oben gehalten. Die linke Hand hält den zu vermutenden Zügel, der vielleicht auch durch den Quersteg im Hals angedeutet wird. Ob die im Röntgenbild erkennbare oder zu vermutende Kopfbedeckung einen Helm oder Hut darstellt, sei dahingestellt. Das Pferd könnte ein Hengst sein. Den Hintergrund bildet (enzian)blaues Email. Der Bauch und der Hals mit Teilen des Kopfes des Pferdes ist rot (rotbraun) gefüllt, der Reiter – Bauch und Kopf – selbst mit einer türkisfarbenen Füllung abgehoben. Die Füllung des Kopfes ist bei unserem Exemplar nicht sicher erkennbar, sie könnte ebenfalls türkis oder nur ein Korrosionsprodukt sein. Der Bronzepunkt zwischen den Beinen des wohl im Galopp dargestellten Pferdes ist wohl technisch bedingt.

Die rückseitige Halterung mit einer vierwindigen Spiralkonstruktion mit unterer Sehne war relativ gut erhalten, die Nadelspitze fehlte. Die Nadelkonstruktion ist senkrecht zur Bilddarstellung angebracht, der Fibelkopf mit der Bügelkonstruktion unter den Pferdebeinen. Da Fibeln meist mit der Nadelrast nach oben verwendet wurden, ist bei solcher Nutzung die richtige Darstellung der Vorderseite für den Betrachter gegeben.

Nach unserer Entdeckung wurden zwei Seitenstücke zur diesem Typ Scheibenfibel mit Reiterdarstellung aus Österreich (Carnuntum) und Ungarn (Kistelek) publiziert. Die Scheibenfibeln mit Reiterdarstellung von Kistelek und Byhleguhre gehen nach den identischen Formen und Maßen offenbar auf eine ursprüngliche Form zurück. Der Durchmesser dieser Fibel beträgt 3,7 cm.

Für unser Exemplar kann als gesichert gelten, dass es provinzialrömischer Herkunft ist. Zur Gruppe der sogenannten Tierfibeln gehört das von unserem nicht sehr weit entfernt gefundene Stück mit Rehdarstellung von Grabice, pow. Gubin (ehem. Reichersdorf, Kr. Guben). Die Verbreitung der Fibeln dieses Genres zeigt den Schwerpunkt der Verbreitung im pannonischen Raum (Westungarn), der natürlich nicht identisch mit dem Produktionszentrum sein muss. Sie ist in das ausgehende 2. bis in das 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zu datieren. Wie dieses auch damals schon besondere Exemplar in das freie Germanien und dann noch in die abgelegene Region nördlich des Spreewaldes gelangte, ob als Beute, Geschenk oder Mitbringsel eines Söldners, können wir nicht sagen.

Interesse verdient unser Stück auch im Zusammenhang mit einer inzwischen bei Schlagsdorf, Lkr. Spree-Neiße, gefundenen Zierscheibe mit Vogelfiguren in Email, aber mit Dorn (Niet?) auf der glatten Rückseite.

Quellen / Literatur: M. Aufleger, Eine theriomorph verzierte Zierscheibe aus Schlagsdorf, Landkreis Spree-Neiße. Versuch einer Einordnung. In: Einsichten. Archäologische Beiträge für den Süden des Landes Brandenburg 2002 = Arbeitsberichte zur Bodendenkmalpflege in Brandenburg 12 (Wünsdorf 2003) 179–185; C. Balogh, A. Korom, B. Kóbor, A. Türk, Eine Scheibenfibel mit Emaileinlage (Einzeltyp) aus der Gemarkung Kistelek (Kom. Csongrád) (Kistelek, Flur „Gera-Föld“, Objekt 216). A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve - Studia Archaeologica XI. (Szeged 2005) 37–50; Eva Bónis, Eine norisch-pannonische emaillierte Scheibenfibelgruppe. Römisches Österreich 17,18. Zum Gedenken an Edit B. Thomas, 1989–1990 (1991) 37–44; Römisch-Germanische Kommission, Museum für Ur- u. Frühgeschichte-Staatliche Museen zu Berlin, Brandenburgisches Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte (Hrsg.), Corpus der römischen Funde im europäischen Barbaricum, Deutschland, Bd. 1, Bundesländer Brandenburg u. Berlin (Bonn 1994), hier 99, VI-09-1,1.1; Grzegorz Domański, Wyniki badań wykopaliskach na cmentarzysku kultury luboszykiej w Grabicach, gm. Gubin, w 1990. Śląski sprawozdania archeologiczne 33, 1992, 77–81; G. Wetzel, Eine weitere kaiserzeitliche Siedlung bei Byhleguhre, Kr. Lübben. Ausgrabungen und Funde 36 (1991) 67–70; G. Wetzel, Eine Emailscheibenfibel von Byhleguhre, Kr. Lübben. Archäologie in Deutschland (1991, 4) 46; G. Wetzel, Provinzialrömischer Schmuck aus einer germanischen Siedlung bei Byhleguhre. Archäologie in Berlin und Brandenburg 1990–1992 (Stuttgart 1995) 33–35; H. Winter, Das Fragment einer emaillierten Scheibenfibel mit Reiterdarstellung aus Carnuntum. In: Römisches Österreich 19,20 (1991,92) 17–19.

Bildquelle: Röntgenaufnahme, Günter Wetzel

Autor: Günter Wetzel

Zurück