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 1919  

1919

  • Die örtliche Polizeiverwaltung schreibt an den Regierungspräsidenten von Frankfurt/Oder: „Hier haben die Soldatenräte nur in den ersten Tagen des Umsturzes sich Eingriffe in unsere Verwaltung erlaubt, was sie nun aber seit Monaten unterlassen.
  • Hermann Altmann aus Calau übernimmt das Konzerthaus "Kolkwitz", das sich mit dem Garten bis zur Bahnhofstraße erstreckte.
  • In den Cottbuser Lebensmittelläden wurden Runkelrüben, I a Rübenmarmelade (gesüßt), Zentner 68 ½ Mark, und Pferdewurst angeboten, die manchmal aus Wuchergründen auch als Rentierwurst verkauft wurde. Im Anzeigenteil der Zeitungen stand neben dem Angebot einer Kunstkartenserie „Die Nacktheit" (für den Handel freigegeben) der Hinweis, dass wegen Auflösung der Altkleiderstelle Cottbus noch einige schwarze und farbige Gehröcke und Jacken für Männer und Frauen zu verkaufen waren.
  • Es werden die ersten Boote des 1909 gegründeten Rudervereins vom Bootshaus Markgrafenmühle wieder ins Wasser gelassen.
  • Die USPD übernimmt die Druckerei von Theodor Langendorf und druckt die Zeitung „Freier Volkswillen". Diese erscheint bis 1922, dann unter dem Titel „Volkswille". Gedruckt wird die Zeitung für die Kreise Forst – Sorau, Cottbus – Spremberg, Guben – Lübben, Calau – Luckau,in der Mühlenstraße 40.
  • Cottbus zählt 49.042 Einwohner. Im Stadt- und Landkreis leben 101.580 Menschen.
  • In Cottbus gab es sechs Gemeindeschulen, eine katholische Gemeindeschule, eine Hilfsschule. In die Schulen gingen 3.645 Kinder. Weiterhin gibt es das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, die städtische Oberrealschule Bahnhofstraße 11 mit der Vorschule für Knaben, das Mädchengymnasium an der Promenade 13/14, und die städtische Mädchen-Mittelschule. Das Schuljahr 1919 begann in der Oberrealschule mit 807 Schülern. Zwei Schüler, die in „freiwillige Heeresverbände" eintraten, legten nochmals Notprüfungen ab. Gleichzeitig bestand ein Lehrgang für Kriegsteilnehmer zur Vorbereitung auf die Kriegsreifeprüfung mit 17, im Winter mit 9 Kriegsteilnehmern. Zu Ostern 1919 erhalten die restlichen 6 Oberprimaner das Reifezeugnis der Oberrealschule. Die Vorschulen werden von nun an abgebaut und 1921 ganz aufgelöst.
  • Das 2. Bataillon Infanterie-Regiment 52 wird aufgelöst, damit verliert Cottbus die Garnison.
  • Das ehemalige „Cottbuser Wochenblatt" stellt unter dem Namen „Niederlausitzer Generalanzeiger" sein Erscheinen ein.
  • Nach den Wahlen verteilen sich die 45 Sitze mit 22 auf linke und 23 auf bürgerliche Stadtverordnete.
  • Die Rentensiedlung im Norden der Stadt wird eingemeindet. Auch Teile von Schmellwitz und Ströbitz werden nach Cottbus eingemeindet.
  • Nach 1919 hatte Gastwirt Richard Rienitz die „Norddeutsche Bierhalle" im Besitz. Die Riesenpfannkuchen der Wirtin waren weithin bekannt. Neben Marktbesuchern aus dem Landkreis war sie auch das Vereinslokal der Buchdrucker.
  • Noch etwa 2.500 Kriegsgefangene des Cottbuser Lagers sind bis 1920 in der Landwirtschaft und im Braunkohlenbergbau eingesetzt.
  • Von 1919 bis Ende der 30er Jahre unterhielt und leitet Berta Beutler den einzigen Cottbuser Privatkindergarten in der Taubenstraße.
  • Der „Wendische Nationalausschuß" fordert in einer Proklamation vom 01. 01., die sich auf die „Wilsonschen Grundsätze" berief, die Umwandlung der Lausitz in einen Bundesstaat des Deutschen Reiches.
  • Auf einer Versammlung des Vereins der DDP im Kolkwitzschen Saal sprach M. Bahr aus Landsberg a. W. am 03. 01. zum Thema "was die Deutsche Demokratische Partei will".
  • Die Zittauer Straße erhält am 06. 01. ihren Namen.
  • Auf der Wahlkundgebung der SPD auf dem Schillerplatz spricht am 12. 01. Carl Wendemuth. Es nehmen auch Gewerkschaften und Angestellte der Eisenbahn-Werkstätten teil. Die anschließende Demonstration führt durch die Stadt zum Berliner Platz.
  • Der „Niederlausitzer Generalanzeiger" veröffentlicht am 16. 01. den Wahlaufruf der deutschnationalen Volkspartei zur Wahl der Nationalversammlung am 19.1.1919 Auf der Wahlliste kandidiert neben Bauerngutsbesitzer Ferdinand Noske aus Kutschlau und dem Verleger Wilhelm Bruhn aus Berlin der Töpfermeister Emil Gersh aus Cottbus.
  • Ende Februar wird in der Gaststätte Winkler in der Wendenstraße von ca. sechs Genossen, unter ihnen die Gärtnereiarbeiterin Gertrud Zinke, die Bildung der Cottbuser KPD Ortsgruppe vorbereitet. Die tatsächliche Gründung lässt sich nicht exakt datieren, da für die KPD faktisch illegale Bedingungen bestanden.
  • Die Cottbuser Behörden stoppen am 01. 02. auf die Intervention der Alliierten die Rückführung russischer Kriegsgefangener. Auflösung Das Gefangenenlager in Merzdorf wird aufgelöst und die noch gefangen gehaltenen Russen werden in das Lager Sielow verlegt.
  • Der sonntägliche Personenverkehr auf der Strecke Frankfurt – Cottbus wird ab 09. 02. vorübergehend vollständig eingestellt.
  • Das Landesschutzkorps mit der I. Garde-Landes-Schützen-Abteilung zieht am 12. 02. mit 1.200 Mann in Cottbus ein. Die Soldaten und Offiziere besetzten das Offizierskasino, bis dahin war es das Hauptquartier des Arbeiter- und Soldatenrates: Die Kasernen, militärischen Büros, den Bahnhof, das Hauptpostamt werden besetzt und die Garnison entwaffnet. Der Soldatenrat wurde aufgelöst und von den Truppen wurde eine Neuwahl angeordnet.
  • Besonders schwierig war seit langem die Versorgung mit Wohnraum. Um diesem Mangel abzuhelfen, wird am 27.2.1919 der „Gemeinnützige Bauverein für Heimstättengründung e.G.m.b.H." gegründet. Durch diesen Bauverein werden 1922/23 in der Sielower Landstraße und insbesondere in den dreißiger Jahren Häuser am Fontaneplatz und in der Hüfnerstraße, sowie der späteren Hermann-Löns-Straße errichtet. Schon ein Jahr später erfolgt mit der Gründung der „Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Angestelltenheimstätten" (Gagfah) eine weitere Genossenschaft.
  • Bei den Neuwahlen zum Stadtparlament, den Wahlen zur Nationalversammlung und zur Preußischen Landesversammlung am 02. 03. sind 32.565 Einwohner der Stadt stimmberechtigt. Die Wahlbeteiligung liegt bei 65,82 Prozent: Von 21.385 abgegebenen Stimmen erhielt SPD 10.4712, das sind 48,9 % und 22 Mandate, die bürgerliche Parteien 9.250 Stimmen, das sind 43,3 % und ebenfalls 22 Mandate: Die Sonderliste konnte 1.664 Stimmen mit 7,8 % erzielen und ein Mandat besetzen. Erstmals waren in der Stadtverordnetenversammlung fünf Frauen vertreten.
  • Die in Cottbus vom 13. bis 14.03. tagende Bezirkskonferenz der freien organisierten Bergarbeiterschaft der gesamten Ober- und Niederlausitz fasste im Namen von 40.000 Bergarbeitern eine Entschließung gegen die Kapp -Regierung „Den Staatsstreichlern keine Tonne Kohle und keine willige Hand !" Der Aufruf fordert alle Bergarbeiter auf, „für die demokratische Republik alles einzusetzen und dem unzweifelhaften Volkswillen unter allen Umständen Geltung zu verschaffen" Die Gaststätte „Utz" gehörte damals auch zu jenen Lokalen in denen die Arbeiter zum Streik organisiert und über die Lage informiert wurden. Noch am gleichen Tag begann auch in Cottbus der Generalstreik. Im Rathaus findet eine Besprechung zwischen Oberbürgermeister Dreifert und dem Garnisonältesten des hier stationierten Reichswehr-Bataillons Franz, Major Bruno Ernst Buchrucker, statt. Buchrucker, als Gegner der Republik bekannt, unterstützt Kapp und beabsichtigt, die zivilen Behörden auszuschalten und die vollziehende Gewalt zu übernehmen.
  • Unter dem Vorsitz des Direktors findet am 21. 03. im Gymnasium die erste Sitzung des durch Erlaß vom 01.10.1918 eingeführten Elternbeirats statt.
  • Das städtischen Kriegsnotgeldes wird am 31. 03. eingezogen.
  • Am 01. 04. erfolgt die Umbenennung der Bellevue- in Bautzener Straße.
  • Der Cottbuser Soldatenrates wird am 26. 04. endgültig aufgelöst. Die Regierungstruppen verhaften die Angehörigen des Soldatenrates des Infanterie-Regimentes 52 wegen angeblicher "Gehorsamsverweigerung, Widersetzlichkeit und Anstiftung zum Aufruhr".
  • Am 30. 06. werden die Gaslieferungen in der Stadt vorübergehende vollständige eingestellt.
  • Im Sommer wird in den Kreisen Guben, Lübben, Luckau, Calau, Cottbus und Forst die Reichswehrbrigade 26 „zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung" untergebracht. Ihre Aufgabe war es, im engen Einvernehmen mit dem Magistrat sich über innere Angelegenheiten wie Stimmung der Bevölkerung, Streiks, Tätigkeit der politischen Parteien im regierungsfeindlichen Sinne, Namhaftmachung von Kommunisten – Führern, zu orientieren und im gegebenen Falle revolutionäre Erhebung mit Waffengewalt zu unterdrücken.
  • Im Juli wird die meteorologische Station vom Grundstück des Gymnasiums wieder entfernt.
  • Der Fliegerhorst wird am 27. 07. aufgelöst und das letzte Militärflugzeug verlässt die Stadt. Die Bauern erhalten zwar ihr Land zurück, es bleibt aber unbestellt. Bereits am 18. 04. hatte die Stadt die Übernahme einer Offiziersunterkunft und der Fliegerbaracken beschlossen. Es werden finanzielle Mittel für den Umbau zu Wohnungen dazu bewilligt.
  • Die wendischen Volksbank AG wird im September in Bautzen gegründet. 1921 wurde eine Filiale in der Sandower Hauptstraße in Cottbus eröffnet. Ihr Ziel war es, den Sorben und Wenden günstige Kredite zu ermöglichen.
  • In Cottbus wird am 19. 09. die Wohnungszwangswirtschaft eingeführt.
  • Im November übergibt der Fotograf A. Spitzner sein Atelier an den Fotografen Fritz Unger weiter, dieser kauft später auch das Haus von Otto Putzar in der Kaiser-Friedrich-Straße 26.
  • Vom 02. bis 19. 11. findet in der Turnhalle der Augustaschule eine Kunstausstellung statt. Diese wurde vom Kunstverein Cottbus unter dem Vorsitz von Carl Noack organsiert, gestaltet hatten die Ausstellung die Künstler-Gilde und die Neuen Berliner Künstlergruppe.
  • Ab dem 05. 11. stellt die Eisenbahn für zehn Tage den Personennahverkehr ein.
  • Die Stadtverordnetenversammlung bewilligt am 13. 11. 400.000.000 Mark für den Kauf von 10.000 Paar Schuhen für finanziell Minderbemittelte. Außerdem stimmte die Versammlung für die Bereitstellung von 3.000 Mark zur Einrichtung von zwei Wärmehallen in der Neustädter Straße 17 und Mauerstraße 33.
  • Auf dem Cottbuser Bahnhof werden am 14. 11. sechs Waggon Kohle mit einer dünnen Schicht Schlacke bedeckt und als solche deklariert entdeckt, die offensichtlich verschoben werden sollte.
  • Zwei Angestellte des Lebensmittelamtes werden unter dem Verdacht der Schieberei mit Zucker verhaftet.
  • Die Bezirksversammlung der Eisenbahnwerkführer beschließt am 22. 11. die Gründung einer Fach- und freien Hochschule für Eisenbahner in Cottbus.
  • Zu Ehren der im Kriege gefallenen Lehrer und Schüler des Gymnasiums findet am 22. 11. eine Gedenkfeier in der Aula statt.
  • Der Polizeiinspektor Köring lädt am 25. 11. alle Besitzer von Rassehunden zur Bildung eines Vereins zur Zucht und Pflege von Polizeihunden ein.
  • Die Stadtverordnetenversammlung beschließen am 26. 11. die Gründung einer Volkshochschule. Sie wurde vorwiegend von Bürgern und Kleinbürgern besucht. Im § 2 der Satzung hieß es: „Praktisch - politische Willensbeeinflussung der Volkshochschüler durch die Dozenten ist streng zu vermeiden". Am 25. 12. wird die erste Mitteilung über die Eröffnung des ersten Kurses an der neu zu gründenden Volkshochschule im ersten Vierteljahr veröffentlicht. Geplant sind 13 Kurse, die Anmeldung musste bis 3. Januar 1920 erfolgen.
  • In der Nacht vom 21. zum 22. 12. gebar ein armes Dienstmädchen im Cottbuser Armenhaus Drillinge.
  • Der Magistrat gibt am 22. 12. die Errichtung einer öffentlichen Lesehalle im früheren Hotel Nommel in der Spremberger Straße bekannt.

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